Die NATO am Scheideweg: Der Iran-Krieg als Belastungsprobe der transatlantischen Allianz

Dr. Klaus WeberDie transatlantische Allianz durchlebt in diesen Tagen ihre schwerste Krise seit dem Ende des Kalten Krieges. Der von Präsident Donald Trump initiierte Krieg gegen den Iran hat einen Riss in die NATO getrieben, der tiefer ist als jede frühere Meinungsverschiedenheit zwischen den Vereinigten Staaten und ihren europäischen Verbündeten. Während der Iran-Konflikt militärisch eskalierte, sah sich Europa mit einer beispiellosen Frage konfrontiert: Kann es sich noch auf die amerikanische Sicherheitsgarantie verlassen, und was geschieht, wenn die Antwort zunehmend zweifelhaft wird?
NATO-Generalsekretär Mark Rutte unternahm in dieser Woche in Washington den Versuch, die Wogen zu glätten. Bei einem Auftritt im Ronald Reagan Institute am 9. April verteidigte er die europäischen Verbündeten gegen den Vorwurf mangelnder Unterstützung und betonte, die Allianz sei durchaus in der Lage, beide Aufgaben gleichzeitig zu bewältigen – die kollektive Verteidigung Europas und die Unterstützung der Vereinigten Staaten im Nahen Osten. Doch hinter den diplomatischen Formulierungen zeichnet sich eine tiefere Realität ab. Nach einem Bericht von Reuters erklärte Rutte am 8. April vor Journalisten, dass einige NATO-Mitgliedsstaaten getestet wurden und versagt haben – eine bemerkenswerte öffentliche Kritik des eigenen Lagers, die den enormen internen Druck offenbart.
Die Zahlen, die Rutte in seinem Jahresbericht vorlegte, erzählen eine andere Geschichte. Die europäischen NATO-Verbündeten und Kanada haben ihre Verteidigungsausgaben im Jahr 2025 real um nahezu zwanzig Prozent erhöht – das zweite Jahr in Folge mit einem derartigen Zuwachs. Die europäischen Verteidigungsausgaben erreichten 2026 insgesamt 481 Milliarden Euro und überstiegen damit die kombinierten Militärbudgets Russlands und Chinas. Frankreich hat seinen Verteidigungshaushalt für die Jahre 2024 bis 2030 angepasst und sieht eine Steigerung von rund 50 Milliarden Euro im Jahr 2025 auf 76,3 Milliarden Euro bis 2030 vor, was etwa 2,5 Prozent des französischen Bruttoinlandsprodukts entspricht. Polen betreibt das größte Aufrüstungsprogramm seit dem Kalten Krieg und beschafft 212 zusätzliche Panzerhaubitzen. Die gesamteuropäische Munitionsproduktion wird ebenfalls massiv ausgeweitet.
Bundeskanzler Friedrich Merz versuchte am Donnerstag in Berlin, eine vermittelnde Position einzunehmen. Er betonte, Deutschland wolle nicht, dass die NATO über den Iran-Krieg zerbricht, und bot an, beim Wiedereröffnen der Straße von Hormuz zu helfen – allerdings idealerweise mit einem Mandat des UN-Sicherheitsrates und der Zustimmung des Bundestages. Diese Bedingung verdeutlicht das europäische Dilemma: Die Regierungen stehen unter dem Druck Washingtons, können aber militärische Einsätze im Nahen Osten weder politisch noch rechtlich ohne umfangreiche parlamentarische und internationale Legitimation durchsetzen. Die Stimmung in den europäischen Hauptstädten ist eindeutig: Der Krieg ist in Europa tief unpopulär.
Hinter den Kulissen formiert sich jedoch ein strategischer Neuordnungsprozess, der weit über den Iran-Konflikt hinausreicht. Das US-Verteidigungsstrategiepapier von 2026 stellt unmissverständlich fest, dass die europäischen Nationen die primäre Verantwortung für ihre konventionelle Verteidigung übernehmen sollen, während Washington seinen Fokus auf die Heimatsicherheit und die Eindämmung Chinas verlagert. Ab 2027 werden die Vereinigten Staaten nur noch rund fünfzig Prozent der militärischen Kampfkraft der Allianz stellen – deutlich weniger als heute. Die Europäisierung der NATO ist damit keine theoretische Debatte mehr, sondern eine beschlossene strategische Realität.
Das European Policy Centre in Brüssel veröffentlichte am 10. April eine bemerkenswerte Analyse unter dem Titel Europe needs a Plan B for NATO. Darin heißt es unmissverständlich: Die Vorbereitung auf unbequeme Szenarien sei kein antiamerikanischer Reflex, sondern eine staatspolitische Pflicht. Europa müsse sich gegen die Möglichkeit absichern, dass die amerikanische Unterstützung begrenzt, verzögert oder politisch blockiert werden könnte. Die zentrale Frage lautet nicht mehr, ob die NATO europäischer wird, sondern auf welchem Weg und bis wann. Das Paper fordert zudem, dass Europa nicht nur für einen geordneten Übergang planen darf, sondern sich auf den Ernstfall einstellen muss: die Verteidigungsfähigkeit heute Nacht, ohne die Vereinigten Staaten.
Die strukturellen Lücken, die dabei zutage treten, sind erheblich. Der Bereich der nuklearen Abschreckung ist am kritischsten: Nur Frankreich und das Vereinigte Königreich verfügen über Atomwaffen, zusammen etwa 515 Gefechtsköpfe, die primär auf acht nuklearbetriebenen U-Booten stationiert sind. Rutte selbst warnte, dass ein unabhängiges europäisches Nukleararsenal statt der gegenwärtig geforderten fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts eher zehn Prozent der Wirtschaftsleistung verschlingen würde. Im Bereich der strategischen Aufklärung, Überwachung und Aufklärung bleibt Europa massiv von amerikanischen Satelliten und Aufklärungsflugzeugen abhängig. Auch der strategische Transport von Truppen und Ausrüstung über große Entfernungen ist ohne die Kapazitäten der US-Streitkräfte nicht im erforderlichen Umfang möglich. Chatham House schätzt, dass Europa mindestens fünf bis zehn Jahre für eine vollständige Wiederbewaffnung benötigt, während NATO-Analysen davon ausgehen, dass Russland innerhalb von vier Jahren einen Angriff auf NATO-Gebiet versuchen könnte.
Parallel zur NATO-Debatte beschleunigt die Europäische Union ihre eigenen Verteidigungsanstrengungen. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kündigte auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2026 die Mobilisierung von bis zu 800 Milliarden Euro im Rahmen der Initiative Readiness 2030 an. Unter der Dauerhaften Strukturierten Zusammenarbeit verfolgt die Union mittlerweile über siebzig Projekte – von unbemannten Bodensystemen über integrierte Luft- und Raketenabwehr bis hin zu Cyberfähigkeiten. Das Vereinigte Königreich führt mit der Joint Expeditionary Force eine zehnnationale Schnelleingreiftruppe, die auf die Sicherheit Nordeuropas und der Arktis ausgerichtet ist. Im Frühjahr 2025 führte die NATO Operationen im Nordatlantik durch, an denen nicht ein einziges amerikanisches Schiff beteiligt war – ein bemerkenswerter Präzedenzfall.
Der Weg nach vorne ist von drei Szenarien geprägt, die derzeit in den europäischen Hauptstädten diskutiert werden. Im ersten Szenario bleiben die Vereinigten Staaten in der NATO, reduzieren aber ihren militärischen Fußabdruck in Europa. Europa übernimmt die primäre konventionelle Verantwortung, während Washington Schlüsselbereiche wie die nukleare Abschreckung und strategische Aufklärung beisteuert. Im zweiten Szenario ziehen sich die Vereinigten Staaten aus der NATO zurück, und Europa organisiert seine Sicherheit eigenständig – was nicht nur enorme Beschaffungsbudgets erfordert, sondern auch eine Vertiefung der europäischen politischen Integration über Jahrzehnte hinweg. Das dritte Szenario, eine NATO als modulares System ohne klare Führung, gilt als instabil, da es weder die Klarheit eines echten europäischen Führungsanspruchs noch die Zuverlässigkeit einer amerikanischen Sicherheitsgarantie bietet.
Das bevorstehende NATO-Gipfeltreffen in Ankara im Juli 2026 wird zeigen, welche Richtung die Allianz einschlägt. Die europäischen Verbündeten haben bewiesen, dass sie in der Lage sind, ihre Verteidigungsausgaben massiv zu steigern und industrielle Kapazitäten aufzubauen. Doch ohne politische Führung, ohne eine Klärung der nuklearen Frage und ohne die Schließung der strategischen Lücken bleiben diese Anstrengungen Stückwerk. Der Iran-Krieg hat die Uhr schneller ticken lassen, als es den Regierenden in Europa lieb sein kann.